Bevor sich das Tal weitet
Tag 1 — Abfahrt aus Leh mit dem öffentlichen Bus
Der alte Busbahnhof und das Gewicht auf dem Dach
Der alte Busbahnhof von Leh ist kein Ort für Abschiede. Er besitzt keine klare Grenze, keine Schwelle, die den Moment des Aufbruchs markiert. Stattdessen funktioniert er als ein Wartungsraum, in dem Menschen, Waren und Absichten in lockerer Nähe verharren. Die Busse stehen mit ausgeschalteten Motoren da, ihre Seiten noch von Staub früherer Strecken gezeichnet. Männer bewegen sich zwischen Stapeln von Getreidesäcken, von Reisen gezeichneten Metallkisten und in blaue Plastikplanen gewickelten Bündeln. Mit routinierter Bewegung ziehen sie Seile fest. Was im Inneren keinen Platz findet, wird nach oben verhandelt, aufs Dach, wo das Gewicht sorgfältig verteilt wird, als hinge die Balance des Fahrzeugs ebenso sehr von sozialer Übereinkunft wie von Physik ab.
Die Fahrgäste nehmen ihre Plätze ohne Zeremonie ein. Ein Körper, der sich gegen ein Fenster lehnt, genügt. Der Fahrpreis wird bar bezahlt, in ein kleines Heft eingetragen, der Vorgang bereits Teil der Routine. Es liegt keine Erwartung in der Luft, kein gemurmeltes Vorausdenken auf das, was kommt. Dieser Bus bringt keine Reisenden zu einem Versprechen. Er trägt Kontinuität: Vorräte für Dörfer, Arbeiter auf dem Rückweg nach kurzen Verträgen, Familien zwischen saisonalen Verpflichtungen.
Als der Fahrer schließlich Platz nimmt, geschieht sonst nichts. Kein Ruf, kein Zeichen. Einige kleine Anpassungen lösen sich von selbst: eine Tasche wird zurechtgeschoben, jemand steigt vom Trittbrett. Der Bus setzt sich langsam in Bewegung, und Leh lässt ohne Kommentar los. Die Straße verengt sich fast sofort. Jenseits der Fenster öffnet sich das Tal in abgemessenen Schritten, als wolle es sich nicht auf einmal preisgeben. Der Bus eilt nicht. Halte entstehen dort, wo sie gebraucht werden, nicht dort, wo sie geplant sind. Die Zeit beginnt, dem Bedarf zu folgen, nicht dem Entwurf.
Kontrollposten und stilles Einverständnis
Mehrere Stunden später verlangsamt der Bus an einem Kontrollposten. Dokumente werden nach vorne gereicht. Namen werden verglichen, ein Stempel auf eine Seite gedrückt. Der Austausch ist effizient und unspektakulär. Kaum jemand schaut lange auf. Bewegung wird hier nicht vorausgesetzt; sie wird anerkannt und erlaubt. Als die Papiere zurückgegeben sind, rollt der Bus weiter, die Unterbrechung in den Rhythmus der Fahrt aufgenommen.
Hinter dem Posten folgt die Straße eng dem Fluss, eingezwängt zwischen Fels und Wasser. Die Landschaft verliert an Beschreibung. Farbe zieht sich zurück, zurück bleiben Abstufungen von hellem Stein und Staub. Zanskar ist noch fern, doch seine Bedingungen sind bereits präsent: Geduld, Anpassung und die Akzeptanz, dass Durchgang immer vorläufig ist.
Tag 2 — Akshu und die Straße, die keine Leichtigkeit zulässt
Der Drang-Drung-Gletscher aus der Ferne
Der Drang-Drung-Gletscher erscheint ohne Ankündigung. Er liegt jenseits der Straße, fern und unbeweglich, seine Masse schwer einzuordnen im Verhältnis zum umliegenden Gestein. Es gibt keinen ausgewiesenen Haltepunkt, kein Schild, das den Blick lenkt. Der Bus wird nur langsamer, weil es die Straße verlangt, während er eine Reihe enger Kehren hinab zu einem kleinen, unruhigen See nimmt.
Unterhalb der Straße liegen die Überreste eines Fahrzeugs schräg im Hang, teilweise von Geröll bedeckt. Es gibt kein Zeichen, keine Erklärung. Das Wrack ist Teil der Landschaft geworden, vom Hang aufgenommen. Seine Präsenz ist nicht dramatisch, sondern lehrreich. Infrastruktur ist hier eine fragile Übereinkunft, täglich erneuert durch Nutzung und Umstände.
Der Gletscher bleibt einige Minuten sichtbar und verschwindet dann hinter einem Grat. Niemand kommentiert sein Verschwinden. Der Bus fährt weiter, der Moment vergeht ohne Zeremonie.
Morgennebel und kahle Hänge
Akshu erscheint am Morgen unter einer dichten Nebelschicht. Das Dorf gibt sich nicht vollständig preis. Zuerst treten Steinmauern hervor, dann Andeutungen von Dächern, schließlich Türöffnungen, die in Undurchsichtigkeit führen. Der Bus hält kurz. Es gibt keinen Markt, keinen sichtbaren Austausch. Das Leben hier setzt sich nach innen fort, dem Blick entzogen.
Hinter dem Dorf wird das Gelände zunehmend karg. Die Hänge sind bis auf ihre mineralischen Oberflächen freigelegt, in lose Gesteinsplatten zerbrochen. Vegetation ist spärlich und niedrig, ohne Unterbrechung der bleichen Flächen. Die Straße schneidet ohne Selbstsicherheit durch dieses Terrain. Stellenweise verengt sie sich zu einer einzigen Spur, ihre Ränder von Erosion aufgeweicht. Dies ist keine Straße, die beruhigen soll. Sie existiert, solange die Bedingungen es erlauben.
Der Bus fährt gleichmäßig, sein Vorankommen von Vorsicht geprägt, nicht von Geschwindigkeit. Jede Kurve legt einen weiteren Abschnitt freiliegenden Hangs frei. Das Gefühl der Abgeschiedenheit vertieft sich nicht durch Entfernung, sondern durch Wiederholung. Es gibt wenig, das den Blick ablenkt. Die Aufmerksamkeit wendet sich nach innen und folgt dem Rhythmus der Bewegung.
Tag 3 — Kloster Zongkhul
Ankunft auf der Ladefläche eines Lastwagens
Jenseits der Hauptstraße wird das Vorankommen improvisiert. Ein Lastwagen in Richtung des Dorfes Tungri bietet Platz auf seiner offenen Ladefläche. Fracht wird umgeschichtet, um Raum zu schaffen, und der Aufstieg beginnt in gemessenem Tempo. Die Fahrt ist von Stopps unterbrochen — manchmal, um entgegenkommende Fahrzeuge passieren zu lassen, manchmal, um eine verrutschte Ladung zu sichern.
Pläne passen sich still an. Ein zuvor verabredetes Treffen findet nicht statt; Arbeit an anderer Stelle hat eingegriffen. Die Änderung bedarf keiner Erklärung. Bewegung folgt hier der Verfügbarkeit, nicht der Absicht. Fahrzeuge, Menschen und Zeit finden zusammen, wenn es möglich ist, und wenn nicht, wird die Anpassung ohne Klage akzeptiert.
Rote Roben vor weißem Fels
Das Kloster Zongkhul sitzt direkt am hellen Fels, seine Bauten in die Steilwand integriert. Der Stein reflektiert das Licht scharf, unterbrochen vom tiefen Rot der Roben der Mönche, die sich über den Hof bewegen. Der Kontrast wirkt präzise, nicht theatralisch.
Dies sind keine Räume, die für Betrachtung arrangiert sind. Reparaturen sind im Gange, Werkzeuge lehnen an den Wänden. Schritte hallen kurz nach und lösen sich dann im offenen Raum auf. Die Mönche bewegen sich zwischen ihren Aufgaben mit der Ökonomie von Menschen, die an Arbeit unter Einschränkungen gewöhnt sind. Das Kloster fungiert als Anker — als Ort, an dem der Alltag organisiert und getragen wird — nicht als Ziel, das beeindrucken soll.
Tag 4 — Padum, die ungewöhnlich weite Ebene
Ein Becken von fast übertriebener Größe
Beim Näherkommen an Padum öffnet sich die Landschaft abrupt. Nach Tagen enger Durchgänge wirkt das Becken in seiner Weite fast übermäßig. Die Ebene dehnt sich aus, dämpft Geräusche und Entfernungen. Der Bus erscheint hier kleiner, seine Bewegung im Raum verdünnt.
Tungri Gompa gleitet kurz an einer Seite vorbei, seine Kontur vor offenem Gelände gezeichnet. Die Ebene nimmt ihn rasch auf. Die Größe des Beckens verändert die Wahrnehmung. Entfernungen scheinen kürzer, als sie sind, während die Zeit ihren Griff lockert. Padum behauptet sich nicht als Zentrum. Es nimmt auf.
Geschlossene Läden und eine Stadt ohne Darbietung
Im Basar bleiben viele Läden geschlossen. Rollläden sind herabgezogen, ihre Farbe von Sonne und Staub ausgebleicht. Die geöffneten Geschäfte arbeiten ohne Nachdruck. Waren liegen schlicht aus, Transaktionen verlaufen ohne Verhandlung. Es gibt keinen Versuch, die Stadt als lebendig oder vollständig zu inszenieren.
Ein vertrauter Reisender taucht kurz auf, eine Erinnerung an frühere Routen, die sich wieder kreuzen. Der Besuch im Stakrimor Gompa verläuft ohne Eile. Der Palast steht in der Nähe, sichtbar, aber nicht hervorgehoben, seine Silhouette präsent ohne Anspruch. Padum bietet kein Narrativ der Ankunft. Es setzt sich auf eigene Weise fort.
Tag 5 — Zu Fuß in Richtung Karsha
Die Ebene zu Fuß durchqueren
Der Weg nach Karsha beginnt entlang der Straße, zeitweise geteilt mit vorbeifahrenden Fahrzeugen. Gespräche verstummen rasch. Entfernung wird durch Wiederholung gemessen: Schritte, Atem, der unveränderte Horizont. Die Ebene bietet wenig Variation und lädt die Aufmerksamkeit ein, sich in den Rhythmus zu legen.
Ein Fahrzeug hält ohne Aufforderung. Das Angebot einer Mitfahrt wird mit einer Geste gemacht, nicht mit Worten. Es wird auf dieselbe Weise angenommen. Die Bewegung setzt sich fort, der Übergang ohne Kommentar aufgenommen.
Ein Kloster, das sich an den Fels klammert
Karsha Gompa erhebt sich senkrecht aus dem Hang, seine Bauten geschichtet und unregelmäßig. Von unten wird sein Maß deutlich. Das Kloster scheint direkt aus dem Fels zu wachsen, seine Form dem Untergrund anzupassen, statt ihm eine aufzuzwingen.
Darunter schneidet ein Fluss durch das Tal, überquert von einer schmalen Brücke. Die Anordnung von Wasser, Stein und gebauter Form wirkt durch lange Anpassung gelöst. Nichts erscheint ornamental. Alles dient.
Tag 6 — Dorje Zong und der alte Palast
Abstieg zum Wasser
Von Karsha führt ein schmaler Pfad hinab zum Talboden. Der Untergrund ist uneben und verlangt Aufmerksamkeit für jeden Schritt. Unten fließt ein klarer Bach, kalt und schnell, seine Bewegung präzise. Der Übergang nach Dorje Zong ist eine Übung in Balance, nicht in Geschwindigkeit.
Im Inneren des Nonnenklosters
Dorje Zong dient als Nonnenkloster. Gastfreundschaft wird in einem kleinen Raum angeboten, eingerichtet nach Notwendigkeit, nicht nach Komfort. Eine Mahlzeit wird bereitet — Momos, Gemüse, Instantnudeln — ohne Zeremonie serviert. Der Austausch ist praktisch, schmucklos, von Routine geprägt, nicht von Darstellung.
Bilder, die sich keiner Kategorie fügen
Im Hauptsaal füllen Figuren mit mehreren Gesichtern den Raum. Ihre Formen entziehen sich einfacher Einordnung. Der Eindruck ist der geschichteter Zeitläufe, bewahrt ohne Erklärung oder Hervorhebung. Glaube verläuft hier nicht in einer Linie. Er sammelt sich an.
Abreise — Padum ohne Auflösung
Das Tal schließt nicht
Das Verlassen von Padum bietet kein Gefühl des Abschlusses. Die Straße nimmt ihr früheres Muster wieder auf, weder verbessert noch gemindert durch die Rückkehr. Szenen bleiben einzeln, fügen sich nicht zu einer Lehre oder Zusammenfassung. Zanskar präsentiert sich nicht als Erfahrung, die abgeschlossen werden kann. Es bleibt in Bewegung, setzt sich fort jenseits der Grenzen der Beobachtung.
Sidonie Morel ist die erzählerische Stimme hinter Life on the Planet Ladakh,
einem Storytelling-Kollektiv, das die Stille, Kultur und Widerstandsfähigkeit des Himalaya-Lebens erkundet.






