
Wenn Aprikosenbäume das Tal öffnen Von Sidonie Morel Die erste Farbe, die sich nicht ankündigt Blüte vor Gewissheit Aprikosenblüten in Ladakh kommen nicht mit einem klaren Anfang. Es gibt keinen Moment, in dem das Tal erklärt, dass der Frühling begonnen hat. Stattdessen verändert sich ein Zweig. Dann ein weiterer. Blasse Blüten erscheinen still entlang von Steinmauern und Bewässerungskanälen, nahe bei Häusern, in denen die Winterroutinen noch nicht vollständig weggeräumt sind. Die Morgen sind noch trocken und scharf. Der Boden hält noch den Staub der letzten Saison. Und doch hat sich etwas verschoben. Diese Bäume sind nicht dekorativ. Sie stehen dort, wo sie immer gestanden haben – nahe bei Küchen, nahe […]

In Drass bleibt der Winter auf dem Hang Von Sidonie Morel Die Stadt, die Zeit in Schnee misst Morgen auf der Kargil-Straße Drass liegt an der Straße Srinagar–Leh, jener langen Naht, die Kaschmir mit Ladakh verbindet. Im Sommer ist es ein Ort, den man mit geöffneten Fenstern durchquert und dabei so viele Aprikosenbäume zählt, wie man kann. Im Winter verengt sich dieselbe Route zu einem Korridor der Vorsicht: Reifen für die Kälte, Motoren, die etwas länger laufen, Tee, der eingeschenkt wird, bevor jemand sagt, weshalb er gekommen ist. Der Name der Stadt eilt ihr voraus, oft als Warnung überbracht – kalt, kälter, am kältesten – doch die Wirklichkeit von Drass […]

In Ladakh kann jeder notwendige Gang zu einer Pilgerreise werden Von Sidonie Morel Die ersten Schritte sind noch nicht spirituell Eine Tür, eine Schwelle, eine kleine Erledigung, die sich in Entfernung verwandelt In Ladakh beginnt der Tag oft mit etwas Gewöhnlichem: einem Kessel, der gefüllt werden muss, einer Streichholzschachtel, die verschwunden ist, einer Nachricht, die zugestellt werden soll, bevor der Wind auffrischt. Das wird nicht als Pilgerreise angekündigt. Niemand bindet sich eine Jakobsmuschel an den Rucksack. Es gibt kein Stempelheft, keinen zeremoniellen Abschied. Und doch tragen die ersten Schritte aus dem Haus eine stille Ernsthaftigkeit in sich, weil ein kurzer Weg hier selten kurz ist, so wie er es anderswo […]

Der Fußweg, der den Haushalt trägt Von Sidonie Morel Morgen, bevor die Läden ganz erwachen Der erste Rundgang: Riegel, Staub, Wasser, Rückweg In Leh beginnt der Tag oft mit einem kleinen Gang, der sich nicht als etwas Besonderes ankündigt. Ein Türhaken hebt sich mit vertrautem Widerstand; das Scharnier antwortet mit einem trockenen Quietschen. In der Gasse hält der Boden den Staub von gestern in einer feinen Schicht, die leicht aufsteigt und sich wieder auf Socken und Hosenaufschlägen absetzt. Ein Hund beobachtet, ohne sich zu bewegen. Hinter einer Mauer kratzt irgendwo ein Besen, gleichmäßig und ohne Eile. Die Strecke ist kurz: eine Biegung an geschlossenen Ladenfronten vorbei, ein paar Schritte entlang […]

Wenn Wasser die Regeln setzt: Permakultur-Tage in Ladakh Von Sidonie Morel Ein Ort, an dem Wasser als Zeitplan ankommt, nicht als Hintergrund Morgengänge, gemessen in Kilogramm In Ladakh kündigt sich Wasser durch Gewicht an. Ein Kanister ist keine abstrakte Einheit; es sind zwanzig Liter, nah am Körper gehalten, das Plastik beißt in die Handfläche, dort, wo der Griff schmal wird. Der Tag beginnt mit Behältern — Metallkübeln mit eingedrückten Rändern, einem Kessel, der dem Trinkwasser vorbehalten ist, einer kleineren Flasche, die getrennt bleibt, weil jemand im Haus darauf besteht, dass sie „sauber bleibt“. Die häusliche Ordnung ist sichtbar: eine Ecke für Gefäße, die das Kochen berühren, eine andere für jene, […]

Unter Zanskar-Licht wird Schweigen zur täglichen Praxis Von Sidonie Morel Ein Grat aus Luft und Absicht Ankommen ohne den üblichen Lärm Die Straße nach Zanskar schmeichelt niemandem. Sie wird ohne Vorwarnung schmal und wieder breit, zieht sich dann erneut zusammen an Kurven, an denen das Tal sich zu falten scheint, Stein über Stein. Im Auto wird das Gespräch dünn. Nicht aus Ehrfurcht, nicht aus Drama – schlicht, weil die Luft trocken genug ist, um dir die Feuchtigkeit aus dem Mund zu ziehen, und weil der Blick zu fordernd ist, um den Gedanken treiben zu lassen. Du bemerkst zuerst Praktisches: wie schnell Lippen aufreißen, wie Staub das Scharnier des Fensters findet, […]

Wenn der Monat den Haushalt neu schreibt Von Sidonie Morel Bevor sich der Schnee festlegt Die ersten Veränderungen passieren drinnen In Ladakh kommt die Jahreszeit selten mit Zeremonie. Der Himmel kann vollkommen klar sein, die Sonne so scharf, dass Stein wie poliert wirkt – und doch hat das Haus längst angefangen, sich so zu verhalten, als hätte der Winter unterschrieben. Ein Topf bleibt auf dem Herd, statt gespült und weggeräumt zu werden. Der Wasserkessel bleibt in Reichweite. Eine Decke wird gefaltet und näher an den einen Stuhl gerückt, der alle sammelt, ohne jemandem zu gehören. Die Korrekturen sind klein, fast bescheiden, aber sie sind bewusst. Türen werden mit einer anderen […]

Eine Woche zurück in die Saison Von Sidonie Morel Früher Winter — der Geschmack, der nur in einem einzigen Monat existiert In Ladakh hält die Küche die Zeit in eingelagerten Dingen fest. Spät im Jahr, wenn die Nächte schärfer werden und Wasserbehälter an den Rändern eine dünne Haut ansetzen, sind die Zeichen nicht dekorativ. Sie sind praktisch: Aprikosen werden aufgeschlitzt und auf einem flachen Dach in direkter Sonne zum Trocknen ausgelegt; Blattgrün wird blanchiert und dünn auf Tuch verteilt; Säcke mit Gerstenmehl werden gegen Feuchtigkeit fest zugeschnürt; Gläser werden geöffnet, am Rand sauber abgewischt und wieder verschlossen. Die Arbeit liegt dort, wo Hände sie schnell erreichen, weil der Winter die […]

Vom ersten Tee bis zum letzten Riegel: Ein Ladakh-Klostertag nach der Uhr Von Sidonie Morel 04:58 Das erste Geräusch ist nicht eine Glocke, sondern ein leises Räuspern im Korridor, absichtlich so gemacht, damit niemand erschrickt. Ein Streichholz kratzt, dann noch eines. Jemand hat bereits entschieden, dass der Ofen sich heute überreden lässt. Ich setze mich auf, greife nach meinem Pullover und schlage die Decke mit beiden Händen zurück. 05:07 Wasser beginnt sich in einem Topf zu bewegen, der gestern Abend ausgespült und kopfüber ins Regal gestellt wurde. Der Kessel wird mit einer Ruhe auf die Flamme gesetzt, die eher nach Wiederholung als nach Andacht klingt. Ein Novize reicht mir einen […]

Wo der Tag aufbewahrt wird 04:38 Der Ofen hat seine eigene Geduld. Bevor das Licht ankommt, gibt es die kleine Choreografie, die Licht erst möglich macht: eine Hand tastet nach der Streichholzschachtel, ein Blechdeckel wird angehoben, ohne den ganzen Raum zu wecken, der erste Strich, der scheitert, der zweite, der fängt. Im Winter wirkt die Flamme fast blau. Im Sommer ist sie einfach schnell, als hätte sie gewartet. 04:54 Wasser kommt in den Kessel. Nicht viel. Gerade genug für Tee, genug, um den Mund ins Sprechen zu wärmen. Draußen ist der Hof eine dunklere Form in der Dunkelheit. Irgendwo dreht sich ein Hund und legt sich wieder zurecht. Irgendwo arbeitet […]

